Crossover


Dem Luzerner Theater beschert die vom Schauspielleiter Andreas Herrmann betreute Inszenierung von Ramón María del Valle-Incláns Stück «Worte Gottes» eine Premiere in mehrfacher Hinsicht. Zum einen entdeckt die Schauspielsparte mit diesem Projekt einen hierzulande nahezu unbekannten Dramatiker. Zum anderen werden neben den Schauspielerinnen und Schauspielern des Ensembles erstmals zwanzig Mitglieder lokaler Theatervereine aus Luzern und Umgebung auf der Bühne stehen. Sie alle kommen in kleineren und grösseren Sprechrollen zum Einsatz und bringen aus ihren Heimatbühnen in Cham, Sempach, Giswil, Sarnen und vielen anderen Orten die Spielenergie des Innerschweizer Volkstheaters mit in das Projekt. Der spanische Kosmos von Valle-Incláns «dörflicher Tragikomödie» wird so zum bunten Reigen einer langen Reihe unverwechselbarer Figuren.

Die ersten vier Seiten unseres Magazins sind jeweils einem aktuellen Thema aus der Theaterwelt gewidmet. Das können Praxistipps sein, Berichte von Festivals, Historisches und Aktuelles zu Themen vor und hinter der Bühne, relevante Themen für das Amateurtheater in der Schweiz, aber auch ausführliche Vorstellungen von Büchern, Personen und Fakten rund ums Theater.

Heftteil Aktuelles Thema

THEMA

 

Das Theater Luzern kennt bereits eine längere Tradition, mit jungen und theaterbegeisterten Menschen der Region gemeinsame Projekte einzustudieren. Für die neuste Produktion ist man aber noch einen Schritt weiter gegangen. Man suchte bewusst Amateurtheaterschaffende jeden Alters, um ein Volksstück des spanischen Autors Ramón María del Valle-Inclán erstmals an einem Schweizer Stadttheater auf die Bühne zu bringen. Das Theaterstück «Worte Gottes» stammt aus dem Jahr 1920 und wurzelt tief in der Volkstheater-Tradition der iberischen Halbinsel. Für den langen Reigen schillernder Figuren, den Valle-Inclán in sein Stück integriert, sucht das Luzerner Theater tatkräftige Unterstützung: Das Stück kommt mit dem gesamten Schauspielensemble und in Zusammenarbeit mit Interessierten aus der Stadt und der Innerschweiz auf die Bühne. Diese wurden letzten Herbst per Ausschreiben gesucht und es haben sich auch einige Leute aus Gruppen, die dem ZSV angeschlossen sind, gemeldet. Am 2. März ist Premiere und man darf gespannt sein, wie das gemischte Ensemble das Stück über die Rampe bringt. Für die meisten der beteiligten Amateure dürfte es sich um eine ganz besondere und vielleicht einmalige Erfahrung handeln, einmal zusammen mit Profis auf der grossen Bühne eines Stadttheaters zu stehen. Und dies nicht nur als Statisten im Hintergrund, sondern quasi als feste Ensemblemitglieder.


Wir haben dem Schauspielleiter des Theaters Luzern Andreas Herrmann einige Fragen gestellt. Er zeichnet für die Inszenierung verantwortlich und war somit der eigentliche Initiant dieses Projekts:


Theater-Zytig: Die Stücke Valle-Incláns gelten für die Berufsbühnen schon nur durch ihre grosse Besetzung als schwierig zu inszenieren. Ist Ihr Konzept, nebst dem Ensemble des Stadttheaters noch Amateurtheater-Schaffende aus der Innerschweiz einzusetzen, folglich mehr eine der Not der Budgetkürzungen gehorchende Sparmassnahme?


Andreas Herrmann: Im Gegenteil: Es gibt ja hunderte und tausende Stücke, die ganz genau auf unser Stadttheater-Ensemble passen würden. Die «Worte Gottes» von Valle-Inclán haben wir in den Spielplan aufgenommen, weil das Stück – obwohl es in Spanien spielt – sehr viel mit der Innerschweiz zu tun hat. Der Autor schöpft aus der Volkstheater-Tradition der iberischen Halbinsel, die – in ihrem Spielwitz und ihrer Mischung aus katholischer Litanei und heidnischer Volksfrömmigkeit – der Volkstheater-Tradition der Innerschweiz sehr nahe verwandt ist. Diese Volkstheatertradition ist ja – gerade hier in der Region – sehr vital und sehr viel älter als das Stadttheater-System. Und den Wunsch, diese beiden Traditionen für ein Projekt zusammenzuführen, gab es bei uns schon länger. Das Stück von Valle-Inclán schien uns das richtige Objekt für ein solches Unterfangen.


ThZ: Wie zu vernehmen ist, werden die Spielerinnen und Spieler nicht einfach als stumme Statisten eingesetzt, sondern sind tragender Teil des Inszenierungskonzepts. Was versprechen Sie sich von dem Laien-ensemble in Bezug auf die Inszenierung?


AH: Jede Spielerin und jeder Spieler hat eine Sprechrolle im Stück; diese Rollen sind grösser oder kleiner, denn natürlich haben auch nicht alle Spielerinnen und Spieler gleich viel Zeit für die Proben. Ohnehin ist es so, dass es in der «dörflichen Tragikomödie», die wir aufführen, eigentlich keinen einzigen Helden gibt. Der Held ist das Volk, die Gruppe, das Dorf, nicht der oder die Einzelne. Das ist eine tolle Chance für ein grosses Ensemble.


ThZ: Für die mitmachenden Mitglieder von Zentralschweizer Theatergruppen ist dies neben dem Experiment und der Erfahrung sicher auch eine Art persönliche Weiterbildung. Haben Sie Beispiele, dass die Zusammenarbeit auch für die Profis befruchtend ist?


AH: Absolut! Wir lernen in jeder Probe voneinander. Bei unseren Amateuren gibt es Menschen, die seit über 50 Jahren Theater spielen. Das muss man als professioneller Schauspieler erst mal schaffen. Aber natürlich gibt es auch Unterschiede. Das Wort «Amateur» kommt ja vom lateinischen Wort «amare». Amateure sind also die, die das aus Liebe tun. Das trifft zwar sicher auch auf die allermeisten Profi-Schauspieler zu. Trotzdem ist die riesige Begeisterung der «Laien» ein Aspekt, der das ganze Team und Ensemble befruchtet.


ThZ: Abgesehen davon, dass Proben während des Tages für Leute, die in anderen Bereichen berufstätig sind, schwierig oder gar unmöglich sein dürften. Worauf achten Sie bei der Probenarbeit mit einem Ensemble von solch heterogener Zusammensetzung?

AH: In der Inszenierung haben wir nicht versucht, das heterogene Ensemble zu «synchronisieren». Es sollen nicht alle gleich sprechen oder spielen; denn jede und jeder bringt einen spezifischen Theaterhintergrund mit, jeder eine spezifische Spielweise, eine besondere Dialektfärbung, und so weiter. Ein grosser Anteil der Arbeit bestand darin, sich gegenseitig kennen zu lernen; die Stärken und Erfahrungen der einzelnen Spieler aufzuspüren, alle diese «Hintergründe» ernst zu nehmen. Denn in dieser Vielfalt der Charaktere liegt die Stärke eines solchen Unterfangens – und die Stärke von Valle-Incláns Stück. Alle gleich zu machen wäre mir langweilig und sinnlos vorgekommen.


ThZ: Gab es während der Proben Situationen, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?


AH: Ja, bei jeder – viel zu viele, als dass ich sie aufzählen könnte. Denn ich bin nicht mit einem Master-Plan im Kopf in dieses auch für uns sehr ungewöhnliche Projekt gestartet. Stattdessen haben wir uns gemeinsam mit dem Ensemble und mit dem musikalischen Leiter Alan Bern langsam dem Text und der Musikalität der Inclánschen Welt angenähert. Und aus diesem Prozess sind hunderte schöne Begegnungen und Entdeckungen entstanden. Im Moment stecken wir mitten drin in der Probenarbeit und steuern mit grossem Tempo auf die Endproben zu. Da gibt es jeden Tag Überraschungen.


ThZ: Das Volkstheater der Zentralschweiz wurde soeben für die Liste der UNESCO des immateriellen Kulturgutes der Schweiz vorgeschlagen. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Stärken des Volkstheaters?


AH: In der Innerschweiz liegt diese Stärke eindeutig in der überragenden Akzeptanz und Vielfalt der Szene. Hier wird ja – gerade jetzt im Januar und Februar – überall Theater gespielt: vor vollen Häusern, mit riesengrosser Liebe zum Detail und mit grossem Spass an der Sache. Daran sieht man, dass dieses «Weltkulturerbe» nichts Museales hat, sondern ein lebendiger Bestandteil des Kulturlebens ist – gerade in den kulturell oft vernachlässigten ländlichen Regionen.


Es ist zu hoffen, dass solche Projekte Nachahmer finden, denn sie helfen mit, das Verständnis für Kultur auch in den ländlichen Gebieten zu steigern und vermögen so vielleicht eine Front im immer stärker werdenden Stadt-Land-Konflikt etwas aufzuweichen.


Auf der folgenden Seite finden Sie drei Erfahrungsberichte von an diesem Profiprojekt beteiligten LaienspielerInnen.


Natürlich freut es mich, dass ich ebenfalls eine Zusage zum Mitspielen erhalten habe. Da wir in Sempach in diesem Jahr eine Projektpause haben, kommt mir dies gerade recht und hält mich davon ab, in ein freudloses theaterfreies Winterloch zu fallen.

Neuland ist diese Produktion für mich insofern, als dass es sich hier um eine Profiaufführung handelt unter Mitwirkung von einigen Amateuren und nicht – wie wir es uns eher gewohnt sind – ein Spiel von Laien ist mit Einbezug eines oder nur weniger Profis. Hier arbeiten wir mit

einem ganzen Theaterensemble und können nur staunen, wie die Akteure mit klaren Vorstellungen ihrer Rolle in die Probe kommen, dann aber doch noch experimentieren und schleifen, bis die richtige Tonalität und Auslegung der Figur perfekt sitzt. Wir Laien gehen da etwas passiver ans Werk, warten erst etwas verschämt auf Regieanweisungen, wollen anfangs nicht zu sehr auffallen, müssen uns erst zurecht finden, um schlussendlich unseren Platz im Betrieb ebenso selbstsicher erobert zu haben. Die nur kurze Probenzeit verlangt viel Konzentration und Flexibilität. Text-, Musik- und Szenenänderungen werden bis fünf vor Zwölf vorgenommen. Wer sich nur auf das Langzeitgedächtnis stützen kann, ist besonders gefordert.

Alles in allem eine tolle Erfahrung und natürlich eine Ehre, mit einer zwar nur kleinen Rolle auf der grossen «Stadttheaterbühne» zu stehen. Allen Beteiligten des Luzerner Theaters, die ausnahmslos sehr nett und geduldig mit uns umgehen, möchte ich ganz herzlich danken.


Edith Walthert Kramis



Die beiden Infoveranstaltungen für interessierte Laienspieler fanden im Oktober 2011 statt. Ich war damals schon überrascht, wie gut sich die beiden Vertreter des Luzerner Theaters, Andreas Herrmann (Inszenierung) und Bernd Isele (Dramaturgie), in der Zentralschweizer Volkstheaterszene auskennen. Die Arbeit der Amateurszene wird von ihnen sehr geschätzt und beachtet. So gelingt es ihnen vorzüglich, uns Laien, die vielleicht vorhandenen Hemmschwellen zum professionellen Theater zu entfernen. Auch die Zusammenarbeit mit den Profis klappt ausgezeichnet. Sie sind geduldig, auch wenn wir beim Proben manchmal eine etwas «längere Leitung» haben und es fallen nie negative Äusserungen. Hier sieht man auch den grossen Unterschied. Bei den Profis sitzen Sprache, Mimik, Gestik und Bewegungsabläufe in der Regel schon von Beginn an. Änderungen von Text und Szenenabläufen können sie blitzschnell umsetzen, während wir auf die Anleitungen der Regie angewiesen sind. Aber gerade in diesen Bereichen kann ich am meisten profitieren, in dem ich die Probearbeiten genau mitverfolge und aktiv mitgestalte. So kann ich die Professionalität ins Amateurtheater mitnehmen.

Die Probezeiten sind knapp bemessen und werden genau eingehalten, da die Räumlichkeiten danach wieder anderweitig genutzt werden. Zudem zählen die Proben für die Ensemblespieler zur Arbeitszeit. Danach ist Arbeitsschluss oder sie sind für eine andere Probe vorgesehen. Die ganze Produktion läuft viel nüchterner ab als bei uns im Volkstheaterbereich. Hier bringen wir Laien jedoch den grössten Vorteil mit ins Spiel. Mit unserer Spielfreude und Unbekümmertheit locken wir den Betrieb auf und es findet ausserhalb der Bühne ein reger Erfahrungsaustausch des gesamten Spielensembles statt. Manchmal auch über Gott und die Welt.

Die positiven Aspekte überwiegen so sehr, dass ich jederzeit an einem solchen Projekt wieder mitmachen würde. Ich kann dies wirklich nur weiterempfehlen.

Wie sagte Alan Bern, der musikalische Leiter des Stücks: «Amateure, das sind die Liebhaber des Theaters!» Ich sage dazu: Ein unschätzbarer Vorteil.


Roland Graf



Etwas angespannt, noch unsicher aber voller Vorfreude kam ich zur ersten Probe. Voller Freude, Zuversicht und Begeisterung bin ich aus der ersten Probe nach Hause gegangen. Das Ungewisse, der Respekt vor den Profis und die Unsicherheit waren wie weggeblasen. Mit einer so herzlichen und offenen Aufnahme ins bestehende Profiteam habe ich nicht gerechnet. Auch der Regisseur Andreas Hermann und der Musiker Alan Bern zeigten uns vom ersten Zusammentreffen an, wie wichtig jeder Einzelne für das Stück ist. Es war selbstverständlich, dass wir eine Dorfgemeinschaft sind, in der jeder seinen Platz hat und genau daran haben wir die erste Zeit gearbeitet. Die Arbeit am Stück begann erst nach einer langen Probezeit, in der wir uns als Figur und als Person innerhalb der Gruppe gefunden hatten. Genau das war für mich sehr hilfreich.

Es war eine Selbstverständlichkeit, dass nicht alles von Anfang an klappen musste. Jeder hatte die Möglichkeit auszuprobieren, ohne dass der Versuch gleich gewertet oder kritisiert wurde. Es war beeindruckend mit welcher Hingabe, Leichtigkeit und Vielfältigkeit, die Schauspieler/innen eine Emotion nach der Anderen ausdrucksstark aus dem Ärmel schüttelten. Das gab Mut es selbst auch zu versuchen und genau dafür war genügend Raum und Zeit. Es war eine Selbstverständlichkeit, die von jedem einzelnen unterstützt wurde. Ich konnte bei dieser Produktion in einem geschützten Rahmen sehr viel für mich persönlich mitnehmen. Ein Erlebnis, das man nicht missen möchte.


Ephanie Koch

bilder: ingo höhn | www.dphoto.ch