Regelmässige Editoriallesende – aus Rückmeldungen weiss ich, dass es das tatsächlich gibt – werden es wahrscheinlich mittlerweile wissen: Ich liebe die Sprache. Wahrscheinlich wäre sogar die Mehrzahl angebracht. Ich liebe Sprachen, Dialekte, Wortspielereien und rhetorische Glanzleistungen in all ihren Formen. Ich bedaure aufrichtig, in meiner Jugend nicht mehr Sprachen gelernt zu haben. Hätte ich die Zeit und das Geld, ich würde mir wohl längere Sprachaufenthalte in verschiedenen Ländern leisten.
Doch ich muss gestehen, dass ich mich, ausser vielleicht in Deutsch und Englisch, nur noch auf Französisch leidlich verständigen kann. Italienisch habe ich im Selbstkurs gerade einmal bis Lecione quattro geschafft. Von der vierten Landessprache ganz zu schweigen. Wenn ich rätoromanisch höre, könnte ich die Sprechenden genau so gut Ländern von der Türkei bis nach Tschechien zuordnen. Etwa gleich viel verstehe ich nämlich.
Eigentlich wären wir ja absolut privilegiert in unserem Land. Häufig reicht bereits eine halbe Stunde Fahrt und man befindet sich in einem anderen Sprachgebiet. In der Schule lernen wir automatisch Fremdsprachen wie etwa Hochdeutsch, doch selbst dort haben wir Deutschschweizer Hemmungen beim Gebrauch. Und für einen Berner Oberländer ist bereits ein Zürcher Schnuri ein Gräuel (ich entschuldige mich gleichzeitig bei allen Zürchern für dieses Beispiel, das nicht meiner persönlichen Haltung entspricht).
Wenn es zum Teil noch nicht einmal selbstverständlich ist, Produktionen der regionalen Gruppen zu besuchen, weshalb sollte man sich dann ausgerechnet eine Vorführung anschauen, bei der man vielleicht kaum ein Wort versteht?
Gerade der Besuch einer Theatervorführung in einer anderen Sprache zeigt eben etwas deutlich: Kommunikation besteht nicht aus Sprache allein. Es ist unter Umständen ohne Probleme möglich, den Inhalt eines Gesprächs der Spur nach mitzubekommen, selbst wenn man die Worte nicht versteht. Oder zumindest den Duktus, den Subtext oder die sich daraus ergebende Stimmung unter den Beteiligten. Wir vermögen im Theater Emotionen zu empfinden, auch ohne das inhaltliche Verständnis des Textes. Und sonst fragen Sie einmal Liebhaber italienischer Opern.
Die Biennale des Amateurtheaters, aber auch das Treffen der Freilichttheater, ist weit mehr, als das Betrachten von Produktionen oder zumindest Ausschnitten davon. Es geht viel mehr darum, ein gemeinsames Verständnis füreinander zu bekommen und sich Impulse für die eigene Arbeit zu holen. Denn letztlich sollten wir ja alle das Gleiche wollen. Oder um eines der berühmtesten Schweizer Freilichttheater – geschrieben von einem Deutschen – zu zitieren: Wir wollen sein, ein einzig Volk von Brüdern. Auch im Theater, bitte schön!
Hannes Zaugg-Graf
Editorial Aktuelle Ausgabe
Das Magazin
für Theaterinteressierte
in der Schweiz
Verbandsorgan des
Zentralverbands
Schweizer Volkstheater ZSV
Sie finden auf diesen Seiten eine Auswahl von Artikeln aus der aktuellen Ausgabe sowie ein Archiv mit pdf-Dateien der vergangenen Ausgaben.
Zudem natürlich die Angaben, wie Sie die Zeitschrift abonnieren können oder wie Sie oder Ihre Gruppe in der Theater-Zytig Ihren Auftritt haben können.