Warum sind uns gewisse Menschen auf Anhieb sympathisch? Wieso wirke ich auf andere Leute häufig arrogant? Welche Art Mensch ist mein Typ? Wo ist die Grenze zwischen einem so genannt typischen Verhalten und einem Klischee?
Jede Person, die sich als Spielerin oder Spieler und noch viel mehr als Verantwortliche der Regie einigermassen seriös mit dem Theater beschäftigt, ist bestimmt bereits über solche Fragen gestolpert. Auf der Bühne zählt nicht wirklich, was wir sind, sondern wie wir wirken. Und im Leben? Haben Sie sich nicht auch schon ertappt, dass Sie gedacht haben: «Ist doch wieder typisch!» Wenn wir eine Person einmal in unserem Schema eingereiht haben, braucht es schon sehr viel, auf dem Gestell der Eindrücke einmal etwas umzuräumen.
Dabei müssten wir uns gerade als Theatermenschen vielmehr fragen, warum wir etwas als typisch empfinden. Denn das nächste Mal, wenn wir auf der Bühne beim Publikum den Effekt auslösen möchten, welcher typisches Verhalten in uns auslöst, müssten wir wissen, wie wir diese Wirkung erzielen.
Wenn wir die Ursache kennen, können wir die Wirkung besser kontrollieren. Und nichts ist so bereichernd, wie wenn man die eigene Wirkung auf der Bühne im Griff hat.
Im Buch, das wir in der aktuellen Ausgabe besprechen, geht es um Archetypen. Verhaltensmuster, welche bei uns tief verwurzelt sind und quasi automatische Wirkungen auslösen. Interessant ist, dass es allgemein gültige Muster gibt. Wir können also fast auf Knopfdruck bei den Leuten in unserer Umgebung eine Wirkung erzielen, wenn wir uns im Verhaltensmuster eines bestimmten Archetypus bewegen. Das gilt sowohl für die Bühne des Theaters wie auch für diejenige des Lebens. Denn geben wir es doch zu. Wir spielen nicht nur Theater, wenn sich der Vorhang öffnet.
Wir heucheln hier etwas Interesse an den Ferien des Chefs, wir lassen da einen Kollegen nonverbal wissen, dass er nun völlig unerwünscht ist. Und manchmal laufen wir auch nur einfach in Gedanken durch die Gegend und strahlen so völlig unbewusst etwas aus, das bei andern archetypische Reaktionen auslöst, ohne dass wir das gewollt hätten.
Ich mag vielleicht den Archetypus des arroganten, selbstverliebten Schnösels ausstrahlen. Tief im Innern bin ich aber ganz anders. Wenn Sie mir also das nächste Mal begegnen, denken Sie daran: Ich spiele höchstens eine Rolle.
Hannes Zaugg-Graf
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